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Leipzig
Geschichte(n) einer fast 1000-jährigen Stadt
Der Sachse hat in allen Lebenslagen Humor: Schon der letzte sächsische Herrscher König Friedrich August III. trat im November 1918 mit den Worten „Macht euern Dreck doch alleene“ zurück.
Leipzig hat eine Unmenge von Beinamen erhalten – der bekannteste dürfte wohl Klein-Paris sein. Aber auch Messe-, Buch-, Musik-, Kultur-, Zeitungs-, Wasser-, Sport- und Autostadt, sowie viele andere Attribute.
Aber wie begann Leipzigs Geschichte?
Leipzig lag günstig: Inmitten der Tieflandsbucht kreuzten sich hier an einem Burgward zwei Fernhandelsstraßen: die Via Regia und die Via Imperia (heute vermutlich Richard-Wagner-Platz am Brühl). Die Burgwardanlage wurde 1015 erstmals in einem Tagebuch des Bischofs Thietmar von Merseburg unter dem Namen „Libzi“ erwähnt. 1165 gründete dann der Meißner Markgraf Otto der Reiche die Stadt Leipzig und verlieh der damaligen Kaufmannssiedlung „Urbs Lipsk“ das Markt- und Stapelrecht. (ursprünglich ein slawisches Fischerdorf mit dem Namen Lipzk“). Die Geschichte einer Stadt nahm ihren Anfang.
Hatte Leipzig bereits das Recht erworben drei verschiedene Messen bzw. Märkte pro Jahr durchzuführen (Oster- und Michaelismesse, Neujahrsmarkt), so war 1355 die Wahl des Römisch-Deutschen Kaiser Karl IV. ein handelspolitischer Wendepunkt für den Handelsplatz Leipzig. Mit der „Goldenen Bulle“ von 1356 wurde die Macht der deutschen Kurfürsten gestärkt und damit eine Reichspolitik begründet, die weit über das Spätmittelalter hinaus reichte. Seine Handelspolitik sicherte nicht nur die neu geordneten Reichsstrassen sondern stärkte auch die Hanse und damit einige wichtige Partner für einen regen Handel. Dann erreichte die Erfolgsgeschichte Leipzigs mit der Verleihung des Reichsmesseprivilegs (unbeschränkte Marktfreiheit) durch Kaiser Maximilian I. im Jahre 1497 einen vorläufigen Höhepunkt. Der Ruf Leipzigs als Messestadt nahm also bereits vor mehr als 500 Jahren ihren Anfang. Damals wurde Leipzig der erste Welthandelsplatz Europas. Die Festmärkte entwickelten sich zur selbständigen Warenmesse: der weithin bekannten Frühjahrs- und Herbstmesse. Das 18.Jahrhundert war die Blütezeit der Leipziger Messe. Durch den Handel mit dem gerade erfundenen Meißner Porzellan, das August der Starke persönlich zur Messe präsentierte, konnte Leipzig sogar Frankfurt am Main überflügeln. Das im 19.Jahrhundert entstehende Modell der Mustermesse wurde weltweit nachgeahmt. Dies macht eine neue Architektur erforderlich. Es entstanden Messe-Paläste, deren Höfe oftmals überdacht waren. So entstanden die heute so bekannten Passagen. Die wohl Bekannteste, die des Kofferhändlers Mädler. Heute finden die verschiedensten Messen auf der 1996 fertig gestellten Neuen Messe statt. Leipzig blieb über all die Jahrhunderte eine bedeutende Handelsmetropole. 1409 erhielt Leipzig eine eigene Universität. Der wohl bekannteste Student ist Gottfried Wilhelm Leibniz. Er gilt als der universale Geist seiner Zeit und war einer der bedeutendsten Philosophen des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts. 1661 immatrikulierte sich Leibniz an der Leipziger Universität und betrieb philosophische Studien. Mit 20 Jahren wollte er sich zum Doktor der Rechte promovieren lassen, doch die Leipziger Professoren lehnten ihn als zu jung ab.
Die Bezeichnung Buchstadt geht auf das Jahr 1595 zurück: Hier gründete sich die Leipziger Buchdrucker-Innung. Zudem wurde in Leipzig 1650 die erste Tageszeitung der Welt – die „Einkommenden Zeitungen von Kriegs- und anderen Händeln“ – gedruckt. Zwischen 1700 und 1945 war Leipzig die bedeutendste Buchstadt Europas. Heute beherbergt Leipzig die Deutsche Bücherei als Teil der Deutschen Nationalbibliothek und das Deutsche Buch- und Schriftmuseum. Bekannte Verlagshäuser bzw. -namen wie Reclam, Brockhaus, Rowohlt, Insel oder Kiepenheuer sind aufs Engste mit Leipzig verbunden. Berühmte Dichter wie Friedrich Schiller (1785, Gohlis) oder Johann Wolfgang von Goethe (Jurastudium 1765-68, Erwähnung Auerbachs Keller im „Faust“) weilten in Leipzig.
Mit Gewandhaus, Oper und der Thomaskirche mit ihren Kantoren – herausragend war hier wohl Johann Sebastian Bach (zwischen 1723 und 1750 Thomaskantor) – ist das Attribut Musikstadt untrennbar verbunden. Ein Beispiel für die großen musikalischen Namen ist Felix Mendelssohn Bartholdy (Mendelssohn-Haus in der Goldschmidtstr.), der von 1835 bis zu seinem Tod 1847 in Leipzig wirkte. Richard Wagner wurde in Leipzig (1813) geboren. Auch das Ehepaar Clara (Wieck) und Robert Schumann (Schumann-Haus in der Inselstr.) ist hier zu nennen.
Auch den Beinamen Kaffeestadt verdient Leipzig. Der „Kaffeebaum“ in Leipzig (Zum arabischen Coffe-Baum, seit 1999 Deutschlands einziges Kaffeemuseum) „ist als Gebäude das älteste erhaltene Kaffeehaus außerhalb der arabischen Welt und gleichzeitig das älteste noch existierende Kaffeehaus Deutschlands. Seit 1711 wird hier ununterbrochen Kaffee ausgeschenkt.“ – Besitzer 1711 war Johann Lehmann mit dem Titel „königlich-polnischer-kurfürstlich-sächsischer-Hofschokolatier“
Leipzig als Seestadt – das Pleiß-Athen: Hier wäre das Projekt „Neue Ufer“ zu nennen, welches die Wasserromantik des 19.Jahrhunderts wieder aufleben lassen soll. Einst prägten die Mühlgräben von Pleiße und Elster das Stadtbild. Im Zweiten Weltkrieg wurde die letzte Mühle in der Nähe der Thomaskirche zerstört. Nach dem II. Weltkrieg (50er Jahre) wurden die Mühlgräben zunehmend als Abwasserkanäle für die Braunkohle- und Chemiebetriebe missbraucht und schließlich wegen ihres unerträglichen Gestanks verrohrt (Verlegung unterirdischer Rohre) und aus dem Stadtleben in den Untergrund verbannt – und nun wieder Stück für Stück freigelegt.
Zudem machten zahlreiche Geschichten Leipzig bekannt: Ich erinnere nur an den angeblichen Ritt des Dr. Faust auf einem Weinfass im Auerbachs Keller im Jahre 1525 oder den tatsächlichen Leipziger Disput zwischen Martin Luther und dem Theologieprofessor von Eck von 1519. Der im Zeitalter der Reformation stattfindende und in lateinisch ausgetragene Disput über Ablass, Fegefeuer, Buße und päpstliche Gewalt war so langweilig, dass die Mehrzahl der Zuhörer den Saal nach und nach verließ. 17 Jahre später predigte Luther in der Thomaskirche in deutscher Sprache – und diesmal vor vollem Haus. Die Menschen lehnten sogar Leitern an die Kirchenfenster, um Luther hören zu können.
Die Pracht zahlreicher Bauwerke, die u.a. mit dem Namen Hieronymus Lotter verbunden sind, belegt die facettenreiche Geschichte einer bedeutenden deutschen Metropole. Leipzig besitzt das größte zusammenhängende Gründerzeit-Wohngebiet , das Waldstraßen-Viertel. Aber auch Historismusbauten wie Neues Rathaus, Hauptbahnhof, Deutsche Bank, Stadtbibliothek und „Wächterburg“, um nur einige zu nennen, haben Leipzig berühmt gemacht. Nun aber einige Bemerkungen zur militärischen Geschichte Leipzigs. Im Dreißigjährigen Krieg (Schlacht bei Breitenfeld 1631 als größte Schlacht des 30-jährigen Krieges) wird die Stadt von den Schweden, geführt von ihrem König Gustav II. Adolf, erobert und bis 1650 besetzt gehalten. Während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) gerät Leipzig mehrmals in die Gewalt preußischer Truppen. Doch das herausragendste militärische Ereignis stellt die Völkerschlacht bei Leipzig 1813 dar. In der Ebene von Leipzig standen sich mehr als eine halbe Million Soldaten in den Oktobertagen dieses so ereignisreichen Jahres 1813 gegenüber. Die Verbündeten Nationen, geführt durch ihre Monarchen König Friedrich Wilhelm III. von Preussen, Zar Alexander von Russland und Kaiser Franz I. von Österreich, sowie den Schweden unter Kronprinz Karl Johann, gelang hier der Sieg gegen die Allianz Napoleon I.. Besonderen Mut zeigten hier einerseits die Polnischen Truppen unter dem Fürst Joseph Poniatowski und die Sachsen unter dem ersten Sächsischen König Friedrich August I.(Königreich seit 1806, von Napoleons Gnaden) sowie die Preussen und Russen unter dem General G.L.von Blücher (am 19.Oktober 1813 auf dem Leipziger Markt zum Generalfeldmarschall ernannt) andererseits. Im Gedenken an die mehr als 100.000 Opfer dieser gewaltigen Massenschlacht entstand 100 Jahre später das höchste Denkmal Europas, das Völkerschlachtdenkmal Leipzig.
Im Ersten Weltkrieg war Leipzig ein Zentrum des Kriegsflugzeugbaus. Fast die Hälfte aller deutschen Militär-Flugzeuge stammen aus Werkstätten aus Lindenthal. Heute erinnern noch einige Straßennamen, wie „Am alten Flugfeld“ u.s.w. in diesem, heute zu Leipzig zählenden Stadtbezirk an den frühen Flugzeugbau.
Im II. Weltkrieg war Leipzig auch deshalb im Zentrum zahlreicher großer alliierter Luftangriffe. Am Ende des Zweiten Weltkrieges war Leipzig zunächst von amerikanischen, dann von sowjetischen Truppen besetzt. Die Stärke Sachsens war nicht die Kriegskunst, sondern der Gewerbefleiß der Bevölkerung, ihre Kunstwilligkeit, der Sinn für Bildung und Kultur und der Mut zur Innovation. Doch Leipzig hat sich nach Kriegsverwüstungen stets aufgerafft und wurde zu einem kulturellen Zentrum Sachsens, Deutschlands und Europas.
Gert Pfeifer
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